Herbstgedicht

Das Ritual

eine kleine, vielleicht wahre Horror- Story


Klaus Morgenthaler, der Wolfsforscher der Uni Greifswald, stieg gerade im Jura, in der Nähe von
Grenoble einen steilen Berg hinauf, über grobes Geröll zwischen abgestorbenen Fichten, auf der
Verfolgung eines einsamen Wolfes, um seine Route und sein Verhalten auf zu zeichnen. Er pirschte
schon seit einem halben Jahr hinter ihm her, leider war der Wolf ihm immer einen Tag voraus. Es
war Ende Oktober und der der erste Schnee hatte für eine dünne Schneedecke gesorgt, was die
Verfolgung der Spuren des Wolfes deutlich vereinfachte.

Morgenthaler war ein weltweit anerkannter Experte für Wölfe, weil er Wölfe seit gut 3 Jahrzehnten
in der Wildnis studierte. Diesen Wolf, den er seit gut 300 km quer durch die Alpen verfolgt hatte,
war auf der Suche nach einer weiblichen Partnerin. Er mied dabei die Reviere der ansässigen
Wolfsrudel, weil diese eine tödliche Bedrohung für ihn bedeutete.
Es wurde dämmrig und Morgenthaler musste sich bald eine vom Schweizer Forst gut geführten
Hütten suchen. Er hatte immer eine topologische Karte der Gegend dabei, in der auch die Standorte der Hütten eingetragen waren.

Nach einigen km hatte er die gesuchte Hütte gefunden und inspiziert sie. Sie war ca. 3 x 4 m groß
und mit einem kleinen Holzofen in der hinteren Ecke bestückt. Ein Tisch und eine Bank, sowie
etwas Scheitholz am Eingang waren vorhanden. Strom gab es nicht, aber er hatte genug
Wachskerzen dabei, um ausreichend Licht zum lesen zu haben. Nachdem er den Ofen angeheizt
hatte, aß er eine mitgebrachte Tütensuppe, die er in dem geschmolzenen Schnee angerührt hatte und installierte danach eine Wildkamera in der Nähe an einem Baum, wo er Spuren von Wildwechsel fand.

Es war zwar unwahrscheinlich, aber er hoffte das die Kamera den Wolf im Laufe der nächsten Tage
ablichten würde. Denn er hatte vor, eine Weile in der Hütte zu bleiben. Die Bilder von der Kamera
wurden per Mobilfunk direkt auf sein altes Handy übertragen.
Nachdem er es sich am Fenster der Hütte, in seinem Schlafsack bequem gemacht hatte, lass er in
der Lektüre, die er in der Hütte vorgefunden hatte. Es war draußen schon unter minus 12 Grad, die Temperatur in der Hütte war zum Glück ausreichend um Beschlag an dem einzigen Fenster der
Hütte zu verhindern.

Ab und zu empfing er ein Foto, dass durch einen Doppelping seines Handys angekündigt wurde.
Zu sehen waren ein Reh und später ein Luchs, der auch noch direkt in die Kamera linste.
Die Tage und Nächte vergingen, ein Wolf war aber bisher noch nicht aufgetaucht. Auch die
Wildspuren in der Nähe der Hütte, gaben keinen Hinweis auf ein passierenden Wolf. Er hatte zum
Glück genug Proviant in einem Supermarkt in der Nähe von Grenoble eingekauft, die für ein paar
Wochen reichen sollte. Sein Handy und die Wildkamera konnte er mit einem mitgebrachten
Solarpack tagsüber aufladen.

Wenn er gerade nicht die Gegend um die Hütte nach Wolfsspuren absuchte, vertrieb er sich die Zeit mit Lesen oder schrieb an seinem Bericht über die Ergebnisse seiner Verfolgung des Wolfes.
Akribisch notierte er alle Details der Verfolgung, zeichnete die Route der Spuren in seiner Karte ein und überlegte wie er weiter vorgehen würde.

Am 3. Tag, er hatte es sich gegen 23 Uhr im Schlafsack zum Schlafen eingewickelt, kam ein Signal
auf seinem Handy an. Er staunte nicht schlecht als er im IR-Lichtkegel der Wildkamera einen Wolf
sah, es musste sein gesuchter Wolf sein, denn er war allein und wohl auf der Suche nach etwasNahrung. Am nächsten Tag suchte er die Umgebung der Wildkamera ab, verfolgte die Spuren des Wolfes, die sich aber nicht entfernten. In der nächsten Nacht fing ihn die Kamera auch wieder ein.

Doch dann geschah am 31. Oktober etwas völlig Unerwartetes. Es war kurz vor Mitternacht, als
sein Handy wieder pingte. Er hatte schon eine Weile geschlafen und war etwas desorientiert, als er
sich das Foto ansah. Diesmal sendete die Wildkamera aber ein Video und es zeigte nicht nur einen
Wolf, sondern ein ganzes Rudel, das sich langsam im Kreis um seinen Wolf bewegte, der sich von
den anderen 11 Wölfen deutlich durch eine lilienartige Markierung auf der Stirn unterschied.
Obwohl es dunkel war, konnte er die Szene auf dem Handy deutlich erkennen. Die Augen der
Wölfe, deren Köpfe dem Wolf in der Mitte zugewandt waren, leuchteten durch reflektierte IR-Licht der Wildkamera hell auf.

Die Wölfe bewegten sich still mit einigem Abstand zum Wolf, ganz langsam um diesen herum. Ein
merkwürdiges Verhalten, dass er bisher noch nie beobachtet hatte. Eigentlich hatte er erwartet, dass
das Rudel den Eindringling verjagen und ihm zusetzen würde, aber nichts dergleichen geschah.
Plötzlich fing sein Wolf an, den Kopf mit Blick auf den Vollmond zu heben und einen klagenden
Laut auszustoßen. Die Wölfe im Kreis blieben stehen, drehten sich in Richtung des Wolfes in der
Mitte und fingen ebenfalls an, merkwürdige Laute auszustoßen.

Er hielt es in der Hütte nicht mehr aus, zog sich die Schuhe und seine Militär Tarnjacke an, nahm
sein Nachtsichtglas und schlich ganz leise in Richtung der Kamera.
Er musste einige 100 Meter gehen und versuchte dabei jedes Geräusch zu vermeiden und so gelang
es ihm nach einer Weile die Wölfe im Nachtsichtglas zwischen den Fichten zu erkennen.
Langsam schlich er weiter und nach endlosen Minuten war er nahe genug an die Wölfe heran
gelangt, um ihre Stimmen deutlich vernehmen zu können. Diesmal hörte er einen Wolf aus dem
Rudel sprechen, er gab anscheinend Anweisungen an den Wolf in der Mitte. Es musste der Leitwolf des Rudels sein, denn er schien der größte und stärkste zu sein.

Der Leitwolf sprach zu seiner Überraschung, was ihm die ganze Zeit gar nicht aufgefallen war, in
einer fremden Sprache. Sie kam ihm bekannt vor, es war Norwegisch, das er sogar verstand. Der
Leitwolf sprach, in ruhigen festen Worten zu seinem Wolf in der Mitte: Hati, bist du bereit?
Das Opfer ist in der Hütte anwesend und du musst ihn fangen, damit wir ihn der Mondgöttin opfern können.

Einmal im Jahr, immer am ersten Tag des Novembers musste es geschehen. Ein Menschenopfer
muss es sein. Denn Menschen haben uns Jahrhunderte lang gejagt, getötet oder aus unseren
Revieren vertrieben. Die Mondgöttin Thrud wird uns auch diesmal beistehen.
Gehe nun und bringe uns das Opfer. Wenn es dir gelingt wirst du in unser Rudel aufgenommen,
wenn nicht, müssen wir dich an seiner statt, Thrud opfern.

Klaus Morgenthaler hatte die Worte geschockt vernommen, stand aber eine ganze Weile steif und
unfähig sich zu bewegen. Endlich formten sich Worte in seinem Gehirn und er gelangte zuerst
langsam rückwärts gehend und dann immer schneller rennend zu seiner Hütte. Er verschloss die
Tür, verbarrikadierte sie und das Fenster mit Holzstöcken und versuchte mit dem Handy einen
Notruf abzusetzen. Dummerweise war der Akku leer weil er vergessen hatte das Video
auszuschalten. So blieb ihm nicht anderes übrig als den Morgen abzuwarten. Irgendwann schlief er
übermüdet ein.

Als er aufwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Seltsamer war, das die Hüttentür und
das Fenster gar nicht verbarrikadiert waren und die Tür einen Spaltbreit offen stand. Nun verstand
er gar nichts mehr, suchte die Hütte nach Spuren der Wölfe ab und fand sie auch in der Nähe derWildkamera. Von den Wölfen war aber keine Spur zu sehen. Seine Fußspuren zur Hütte aber zu
erkennen.Er war etwas beunruhigt und vermutete das er des Nachts schlaftrunken noch einmal aufgestanden war, um vor der Hütte nach dem Rechten zu sehen. Auch fand er Wolfsspuren im Schnee an der Treppe zur Hütte, was ihn noch mehr beunruhigte.

In der darauf folgenden Nacht wachte er um Mitternacht auf, der Vollmond schien durchs Fenster
hell in die Hütte auf seine Schlaf-Statt und hatte ihn wohl geweckt. Er stand mit dem Schlafsack auf und wollte etwas vom Tee aus seiner Thermoskanne trinken, weil er Durst hatte und ein Kratzen im Hals verspürte. Er musst sich wohl letzte Nacht erkältet haben.
Als er die Thermoskanne auf dem Tisch ergreifen wollte, fiel sein Blick auf seine rechte Hand, sie
war haarig und die Fingernägel sahen aus wie Krallen, erschrocken schaute er sich auch seine
andere Hand an und dann streifte sein Blick zufällig des Fenster der Hütte: Dort erblickte er im
Spiegelbild einen Wolf mit langen Reißzähnen, der ihn entsetzt anstarrte.

Die gute Fee

Die gute Fee ist lieb
sie ist das Einzige aus meiner Kindheit
das mir blieb

dem schwarzen Mann hat sie Einhalt geboten
hat mich aus dem Schrank befreit
der war voller Schatten und Despoten

dem bösen Wolf hat sie den Bauch aufgeschnitten
borgte den kleinen etwas Zeit
wir haben alle gelitten

dem Schneider hat sie im Dunkeln aufgelauert
an der Kette, die er trug, waren viele Daumen aufgereiht
als sie seine abschnitt, hat das lange gedauert

Knecht Ruprecht mit seinem großen Sack
gemacht aus Angst für die Ewigkeit
musste seine Rute essen als Vorgeschmack

Unseren Sandmann hat sie in Beton eingegossen
das war eine gute Idee soweit
sind keine Tränen mehr geflossen

die gute Fee ist lieb
ich habe ihr heute den Kopf abgeschlagen
mit einem Hieb

Autor: Matthias Krenzer
Illustration: Ilsa Schoner

Mein Dämon


Ist mein Dämon tief eingeschlafen

Oder schlummert er nur? 

Aber ich habe letzte Nacht 

Von ihm geträumt. 



Er tadelte mich

In meiner Trägheit. 

In seinen Augen brannte Feuer 

Und der Geist der Fröhlichkeit. 





Er sang mir von vergangenen Tagen, 

Dem Wahnsinn der Nächte. 

Dem Leben in mir - 

So intensiv und voller Kraft.





Dass ich mit ihm befreundet war 

Und ihn doch so liebte... 

Er konnte mir nicht vergeben, 

Dass ich alles vergessen hatte.


Autorin: Natalia Sonnenfeld


Schrödingers Katze oder wie ich E.R. traf

Letzte Nacht wachte ich ziemlich geschockt aus einem sehr real wirkenden Traum auf und brauchte eine ganze Weile um mich in meinem Laboratorium wieder zurecht zu finden. Der Vollmond schien hell durch das schmale vergitterte Kellerfenster ins abgedunkelte Quantenoptik-Labor der Wiener Universität. Es war schon fast 3 Uhr morgens.


Ich studiere im 12 Semester Quantenphysik und verdiene mir als Laborant in der vorlesungsfreien Zeit ein wenig Zubrot. Mein Prof., der berühmte Anton Zeilinger, ihr werdet ihn sicher kennen, war gerade auf einer internationalen Konferenz der Quantentheoretiker in Cherbourg.
Vor seiner Abreise hatte er mich noch kurz instruiert ein Standard-Experiment der Quantenphysik durchzuführen. Darob war ich wohl auf dem Hocker eingeschlafen, denn ich war schon seit gestern früh 7 Uhr auf den Beinen und hatte, außer einem Döner und einer Cola noch nichts zu mir genommen.

Das Experiment selbst lief fast zur Gänze autonom, aber als Laborant musste ich ab und zu eingreifen, immer dann wenn der Zufallsgenerator piepste, was in unvorhersehbaren Zeitabständen geschah, musste ich diese metallene Experimental-Kiste öffnen und prüfen. Manchmal schon nach 5 Sekunden seit dem vorletzten Piepston und dann vergingen wieder Stunden. So hatte ich zwischendurch nichts zu tun und las in einem sehr schönen Gedichtband von Natalia Sonnenfeld.


Das Buch hatte mir Prof. Zeilinger ausgeliehen und es hatte sogar eine Widmung der Dichterin und
Malerin. Es lag noch aufgeschlagen auf Seite 41 vor mir auf dem Labortisch und es zeigte eines
ihrer Bilder, das mich gleichermaßen faszinierte und hypnotisierte. Was dann im Traum geschah klingt verrückt: Ich war ebenfalls in einem Labor und hatte eine mittelgroße Holzkiste vor mir. Diese hatte oben eine Klappe aber ansonsten keine Öffnung. Ich öffnete die Klappe und in in ihr lag eingerollt eine kleine weiße Katze, die mich nun anschaute. 


Plötzlich fing sie an zu sprechen, was mich merkwürdigerweise gar nicht verwunderte. Sie stellte sich vor als "Luci in the sky" und meinte, dass es jetzt wohl wieder Zeit für ihre Mahlzeit wäre. Das letzte Mal hätte sie ihr Dosenöffner Herr Schrödinger in die Kiste gesteckt und außer einer Phiole und einem Wecker, der noch leise tickte und mit einer Zündvorrichtung gekoppelt war, nichts zum fressen und trinken dazu getan.

Verwundert frage ich sie welche Aufgabe sie hätte. Aber sie antwortete: „Habt ihr es noch immer nicht verstanden wozu das Experiment dient und was eure Aufgabe ist?“ Ich antwortete mit nein. Dann erzählte sie mir die ganze Wahrheit über dieses Experiment. Das Experiment hatte nicht Schrödinger sich ausgedacht sondern „E.R.“ hatte es ihm im Traum mit einer detaillierten Bauanleitung zugeflüstert, um uns Menschen auf die Sprünge zu helfen. Auf
meine Frage wer denn „E.R.“ sei, erklärte sie mir, das wir dafür alle möglichen Bezeichnungen erfunden hätten: „Gott, Jahwe usw“. „E.R.“ ist der Konstrukteur von Allem und auch kein konfessioneller Monotheist sondern nur eine multidimensionale KI und „E.R.“ bedeutet Extendet Realism in unserer Sprache.

Etwas ratlos fragte ich sie was mit „auf die Sprünge helfen“ gemeint war. Nun das ist doch naheliegend, antwortete sie. Das Gedankenexperiment sollte ja nicht mit ihr, einer Katze durchgeführt werden, das hätte Schrödinger nicht richtig verstanden, sondern mit einem Menschen. Dazu bräuchte es nun einmal eine größere Kiste und damit könnte die Menschheit erfahren was dann passieren würde. Diese Kiste hätte ein Tor in andere parallele Dimensionen sein können, wennSchrödinger nicht den Bauplan vergessen hätte. Der Mensch könne dann andere Welten bereisen, denn das Spiel wäre ja noch nicht zu Ende gespielt.


Bevor ich Luci noch eine weitere Frage nach dem Bauplan und diesem „Spiel“ stellen konnte, wurde ich jäh aus meinem Traum durch einen Piepston des Weckers in der Kiste mit der Zündvorrichtung gerissen. Alles hüllte sich in Nebel und ich wachte im realen Labor auf. Der Traum hielt mich noch lange gefangen und als ich Prof. Zeilinger am nächsten Tag von dem Traum erzählte, lachte er schallend auf. Er fragte dann noch was ich denn die letzte Nacht für ein Kraut geraucht hätte. Beschämt schwieg ich und ging wieder ins Labor um weiter an dem Experiment zu arbeiten. Ich kam gerade rechtzeitig, denn der Zufallsgenerator piepste wieder einmal penetrant. 

Ich öffnete die Klappe, dann sprach Luci zu mir..

Autor: warpspace